Orientforschung an der TUHH: Einladung zur Eröffnung der Sonderausstellung "Tall Munbaqa/Ekalte - Bronzezeit in Syrien"

17.09.1998

am 24. September 1998, 11.00 Uhr

Helms-Museum Hamburg-Harburg


Das Hamburger Museum für Archäologie (Helms-Museum) zeigt
in seinem 100-jährigen Jubiliäumsjahr eine Ausstellung über
die bronzezeitliche Stadt Ekalte in Syrien. Ausgegraben wurde sie unter
Leitung von Professor Dr.-Ing. Dittmar Machule von der Technischen Universität
Hamburg-Harburg (TUHH) in Verbindung mit der Deutschen Orient-Gesellschaft.

Tall Munbaqa/Ekalte ist die derzeit am besten erforschte Stadtruine
des 2. Jahrtausends v.Chr. in Nordsyrien. Die Ergebnisse einer mehr als
20-jährigen Feldforschung ermöglichen einzigartige Einblicke
in das tägliche Leben einer altorientalischen Stadt am Euphrat. Prof.
Dr.-Ing. Dittmar Machule und seine Mitarbeiter stellen jetzt ihr Projekt
vor. Ende der sechziger Jahre wurde Tall Munbaqa wiederentdeckt. Ein Stausee
war geplant und die Syrische Antikenverwaltung organisierte internationale
Forschungsaktivitäten zur Bestandsaufnahme und Ausgrabung gefährdeter
Altertümer. Seit 1975 füllt der 90 Kilometer lange Assadstausee
das Euphrattal, an dessen östlichem Steilufer Munbaqa liegt.

Die Ausstellung ist vom 24. September bis 22. November im Hamburger
Museum für Archäologie in 21073 Hamburg (Harburg) zu besichtigen.
Anschließend in Freiburg, Münster und Duisburg.
Die Ausstellung wurde gefördert mit Mitteln des Auswärtigen
Amts und der Deutschen Orient-Gesellschaft.

Informationen: Prof. Dr.-Ing. Dittmar Machule, Tel. 040/7718-3109
 

"Tall Maunbaqa/Ekalte - Bronzezeit in Syrien"

 Die Späte Bronzezeit (ca. 1600 - 1200 v. Chr.) bildet den
Höhepunkt der Entwicklung der bronzezeitlichen Kulturen im Vorderen
Orient. In dieser Zeit lernten die Menschen das Material Bronze zu verarbeiten.
Bronze war der Stahl der damaligen Zeit. Zwischen den Völkern Vorderasiens
herrschte ein reger politischer Kontakt und ökonomischer Austausch.
Städte blühten auf. Die Hethiter in Kleinasien, die Ägypter
im Niltal sowie die Mitanni und Kassiten im Zweistromland führten
ihre internationale Korrespondenz und verfaßten ihre bilateralen
Staatsverträge in akkadischer Sprache.
Für sie stand das fruchtbare und reiche Nordsyrien im Zentrum
des Interesses. In den Strudel der politischen Auseinandersetzungen der
damaligen politischen Großmächte - Ägypter, Hethiter und
Mitanni, die später von den Assyrern abgelöst wurden - geriet
auch Ekalte, das heutige Tall Munbaqa. Bei einem Feldzug Thutmosis III.
im Jahre 1458 v. Chr. ging die in der nördlichen Euphratregion gelegene
Stadt in Flammen auf.

Die Ruinen dieser alten Stadt finden sich auf der Höhe von Aleppo
am östlichen Ufer des heutigen Euphratstausees. Tall Munbaqa/Ekalte
wurde erstmals 1969 archäologisch untersucht. Bis 1994 schlossen sich
weitere 20 Grabungskampagnen an. Sie werden seit 1983 kontinuierlich als
eines der großen Grabungsprojekte der  Deutschen Orientgsellschaft
/Berlin unter der Leitung von Dittmar Machule in Zusammenarbeit mit der
Technischen Universität Hamburg-Harburg durchgeführt und von
der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Die Stadtruine konnte
großflächig freigelegt werden. Die nicht ausgegrabenen Areale
wurden in einer Magnetprospektion mit einem Cäsium-Magnetometer aufgenommen.
Durch diese Kombination von archäologischer Feldforschung und modernster
Technik entstand das einzigartige, umfassende Bild einer Stadt der Späten
Bronzezeit. Tall Munbaqa/Ekalte gehört zu den am besten ausgegrabenen
Fundstätten dieser Zeitperiode in Syrien. Kein anderer Ort bietet
eine solche Fülle an Informationen über das Leben in einer Stadt
aus der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr.
Die Siedlung wurde bereits gegen Ende der Frühen Bronzezeit gegründet
(ca. 2500 v. Chr.) und bestand auch in der Mittleren Bronzezeit fort(1.
Hälfte 2. Jt. v. Chr.). Zu Beginn der Späten Bronzezeit erlebt
die Stadt ihre Blüte. Die Siedlung wird großflächig erweitert.
Die Stadtfläche von ca. 400 m x 500 m ist mit einer Stadtmauer aus
Lehmziegeln mit einem Steinsockel befestigt. Später wurde diese Mauer
durch mächtige Kieswälle ersetzt. Von den fünf Stadttoren
sind drei ausgegraben. Das "Nordost-Tor" ist das
 

einzige Stadttor in Nordsyrien, bei dem sich der Torbogen aus Lehmziegeln
vollständig erhalten hat.
An der Flußseite erheben sich drei hoch über der Flußaue
gelegene Antentempel, die zu den größten ihrer Art gehören.
Ein vierter Tempel ist neben dem Nordtor zu vermuten.
Von den Toren aus erschließen bis zu 7 m breite, parallel angelegte
Hauptstraßen das Stadtgebiet. Ein Netz aus Verbindungsstraßen
und Sackgassen optimiert dieses Wegesystem.  Es wird deutlich, daß
die Stadt planmäßig unter funktionalen Gesichtspunkten angelegt
worden war.
Nahezu 50 Wohn- und Handelshäuser sowie Werkstätten, darunter
eine große Bäckerei, wurden freigelegt. Die Grundrisse zeigen
Haupträume mit ein- oder beidseitigen Nebenräumen. Die überbauten
Flächen liegen zwischen 50 m² und 200 m². Allen Häusern
sind gleichartige Einbauten in den Haupträumen gemeinsam. Hierzu gehören
Treppen, Bänke, gemauerte Feuerstellen, Sockel und zwei, in der Regel
an der Schmalseite gelegene, niedrige Wandvorlagen in Antenform.
Zu einem Kleinod unter den Fundorten wird Tall Munbaqa/Ekalte aber
auch durch das in vielen Gebäuden noch vollständig vorgefundene
Inventar. Hierzu zählen vielfältige Formen von Gebrauchskeramik,
aber auch besondere Gefäße für die täglichen religiösen
Handlungen, Arbeitsgeräte und Waffen aus Stein und Bronze, Erzeugnisse
der "Schönen Künste" wie anthropomorphe und zoomorphe Figuren
und Reliefs aus Terrakotta, Schmuck aus Silber, Bronze und Glas, Gesichtsmasken,
Lebermodelle und glyptische Erzeugnisse.
Tall Munbaqa barg noch eine weitere Besonderheit. In den Häusern
wurden 86 Tontafeln entdeckt. Sie sind der einzige größere Textkorpus
der beginnenden Späten Bronzezeit in Nordsyrien. Da die meisten Tontafeln
die Besitzverhältnisse der Familien dokumentieren und daher für
diese von größter Bedeutung waren, ist es nicht verwunderlich,
daß die Tafeln sicher verwahrt wurden. So fand sich ein Privatarchiv
in einem Wandtresor, ein anderes war in einem Topf unter dem Fußboden
vergraben. Die Texte geben Auskunft über Immobilienkäufe von
Häusern, Gärten und Feldern, Testamente, Erbteilungen, Adoptionen,
Schuldscheine und Briefe. Es gibt keine Hinweise auf einen Fürstensitz
in Ekalte. Das politische Geschick der Bewohner lag im Gegenteil in den
Händen eines gleichberechtigten Kollektivs von Stadtältesten
und einem Gremium, das sich die "Brüder" nannte.

Die bisher ausgegrabene Stadtruine Tall Munbaqa/Ekalte offenbart auf
faszinierende Weise den ganzen Umfang einer spätbronzezeitlichen Stadtkultur.
 


TUHH - Pressestelle
Ingrid Holst
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