22.09.2026

Dieses Projekt hat Großes vor: Es möchte über 70 Prozent der Erde modernisieren. Und zwar den Teil, der von Meeren bedeckt ist. Es beschäftigt sich im Rahmen der Meeresforschung mit Fragen, wie sich Seebeben rechtzeitig voraussagen lassen, wie Küsten nachhaltiger geschützt werden können oder Muschelbänke zielgerichteter erhalten werden. Das primäre Ziel des Network for Oceanic Sensing and Integrated Science (NOESIS) ist es, die Art und Weise, wie die Weltmeere überwacht, verstanden und verwaltet werden, grundlegend zu modernisieren. NOESIS versteht sich als hochkompetitives Doktoranden-Netzwerk, das im Rahmen der prestigeträchtigen Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen (MSCA) unter dem EU-Forschungsprogramm Horizon Europe gefördert wird. Das Projekt startet im Oktober 2026.
Federführend ist das Fachgebiet Meeresforschung der Universität Helsinki. Für die TU Hamburg sind die Institute Networked Cyber-Physical Systems (NCPS) mit Prof. Olaf Landsiedel und das Institute for Autonomous Cyber-Physical Systems (ACPS) mit Prof. Bernd-Christian Renner vertreten. Während Prof. Landsiedel die Expertise zu KI und Informatik einbringt, verstärkt Prof. Renner das NOESIS-Projekt mit seinem Wissen zur Unterwasserkommunikation.
Zwei der Promotionsstellen werden an der TU Hamburg angesiedelt sein und von den Professoren jeweils betreut. Aufgrund der örtlichen und inhaltlichen Nähe ist die Zusammenarbeit eng verzahnt konzipiert. Thematisch wird eine Stelle verteilte eingebettete KI für die multisensorielle Echtzeitanalyse unter Wasser erforschen. Die andere Stelle widmet sich der Low-Power-Unterwasserkommunikation und untersucht Verfahren zur integrierten akustischen Messung und Kommunikation durch Nutzung externer Aufweckmechanismen (KI-basierte Ereignisdetektion). „NOESIS ist eine ehrgeizige europäische Initiative, die dazu beitragen wird, die Meeresbeobachtung von einer passiven Datenerfassung hin zu einer autonomen Echtzeit-Meeresintelligenz zu wandeln“, sagt Prof. Landsiedel.
Neue Generation von Forschenden ausbilden
Die europäische Erforschung der Meeresökosyseme steht aktuell vor einem Problem: Es mangelt an Wissenschaftler∗innen, die sowohl den ökologischen Kontext der Ozeane verstehen als auch über die notwendigen digitalen Kompetenzen verfügen, um mit riesigen, multimodalen Datensätzen umzugehen. NOESIS will diese Lücke füllen, indem das Netzwerk eine neue Generation von Forschungsarchitekt∗innen ausbildet. Sie sollen in der Lage sein, die gesamte Beobachtungskette gemeinsam zu konzipieren – vom Energiehaushalt eines Tiefseesensors bis hin zu den politischen Implikationen von Biodiversitätsdaten.
Dafür ersetzt NOESIS das traditionelle lineare Forschungsmodell durch einen integrierten Entdeckungszyklus, der in drei funktionale Cluster gegliedert ist.
Technologische Grundlagen: In diesem Cluster werden ressourceneffiziente eingebettete Hardwarelösungen entwickelt – darunter Unterwasser-Mikro-Rechenzentren und ökologisch unbedenkliche akustische Technologien. Damit sollen die durch Energieversorgung und Bandbreite bedingten physikalischen Einschränkungen in der Tiefsee überwunden werden.
Methodische Schnittstelle: Hier werden physikbasierte KI und Algorithmen zur Domänengeneralisierung entwickelt, um die Lücke zwischen Rohdaten von Sensoren und aussagekräftigen Umweltvariablen zu schließen. Damit soll insbesondere das Problem der Übertragbarkeit von Modellen auf unterschiedliche Anwendungsbereiche gelöst werden.
Wissenschaftliche Forschungsfront: In diesem Cluster werden die entwickelten Werkzeuge eingesetzt, um prädiktive Risikomodelle für die Biodiversität zu erstellen. Dazu werden Daten aus Umwelt-DNA, Akustik und optischen Verfahren zusammengeführt, um ein dynamisches Ozeanmanagement praktisch umsetzbar zu machen.
Hin zum „digitalen Ozean“
Durch eine besondere, zweigleisige Strategie für Forschungsaufenthalte (Secondments) erwerben alle Promovierenden einerseits fundierte Expertise in ihrer jeweiligen Disziplin und erproben andererseits ihre Methoden und Technologien in einem anderen wissenschaftlichen Umfeld – beispielsweise, indem Ingenieurinnen und Ingenieure ihre Hardware an biologischen Forschungsstationen einsetzen.
Mithilfe des interdisziplinären Ansatzes verknüpft NOESIS seine technologischen Innovationen mit umfassender Expertise und Infrastruktur für die Ozeanbeobachtung. Dadurch ermöglicht das Projekt den Übergang von einer passiven, rückblickenden Erfassung von Meeresdaten hin zu einer autonomen Ozeanbeobachtung und -analyse in Echtzeit („Ocean Intelligence“) und stärkt damit Europas führende Rolle im Bereich des digitalen Ozeans.
Über das Projekt
Das Konsortium erhält eine Fördersumme von 4,5 Millionen Euro. Es werden europaweit 15 Promotionsstellen (PhD-Plätze) ausgeschrieben und besetzt. Die wissenschaftliche Gesamtleitung liegt bei der Universität Helsinki. Hauptpartner sind die Universität Madeira, die Norwegische Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU), die Technische Universität Hamburg (TUHH), das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, die Universität Thessalien (UTH), die Universität Tartu, die Polytechnische Universität Katalonien (UPC), die ENSTA Paris und das Institut Polytechnique de Paris.
TUHH - Pressestelle
Elke Schulze
E-Mail: elke.schulze@tuhh.de
Tel.: +49 30601 4040