TUHH eröffnet am 16. Oktober das Zentrum für Lehre und Lernen

Wie sich das Verständnis vom Lernen verändert hat

08.10.2012

Ausgedient hat die alte Lehre, nach der Wissen eine Folge von Faktenlernen und Routine darstellt. Aktives Lernen fordert mehr Kommunikation
Ausgedient hat die alte Lehre, nach der Wissen eine Folge von Faktenlernen und Routine darstellt. Aktives Lernen fordert mehr Kommunikation
Foto: TUHH/Nguyen 2012

Eine mehrteilige Serie möchte im Vorwege Einblicke in das ZLL gewähren von dem Prof. Sönke Knutzen sagt: "Wir stellen das Lernen - nicht das Lehren - in das Zentrum der Betrachtungen"

Die Technische Universität Hamburg engagiert sich seit Langem für optimale Rahmenbedingungen sowohl bei der Betreuung der Studierenden als auch bei der didaktischen Gestaltung der Lehr- und Lernprozesse. Die Ernennung von Prof. Dr. Sönke Knutzen zum Vizepräsidenten Lehre hat der Entwicklung im Bereich Lehre und Lernen an der TU neuen Schwung verliehen. Der Vizepräsident will in seinem Amt vor allem zur Modernisierung des ingenieurwissenschaftlichen Studiums beitragen. Als ein Meilenstein in dieser Entwicklung darf die bevorstehende Eröffnung des Zentrums für Lehren und Lernen (ZLL) am 16. Oktober bezeichnet werden.

Eine mehrteilige Serie möchte bereits vor der Eröffnung den Appetit für ein sich veränderndes Lehren und Lernen an der TU wecken. Die einzelnen Serienteile widmen sich dem Lernen allgemein, beschreiben das Leitziel des ZLL im Besonderen sowie neue Elemente, die zukünftig vermehrt Lehrveranstaltungen flankieren werden.

Teil 1 - Wie sich das Verständnis vom Lernen verändert hat

"In der universitären Lehre haben wir noch viel Potenzial, das wir nur unzureichend abrufen", sagt Prof. Sönke Knutzen, Vizepräsident der Technischen Universität Hamburg. "Unter anderem aber können die aktuellen Ergebnisse der Lehr- und Lernforschung und der Neurodidaktik helfen, die Lehre deutlich besser zu gestalten." Diese Aufgabe geht Knutzen zusammen mit Dr.-Ing. Gerwald Lichtenberg und Prof. Dr. Christian Kautz mit der Eröffnung des Zentrums für Lehre und Lernen (ZLL) auf dem Campus der TU an und vollzieht damit einen bedeutenden Paradigmenwechsel. Dazu Knutzen: "Wir stellen das Lernen - nicht das Lehren - in das Zentrum der Betrachtung."

Prof. Dr. Sönke Knutzen, Vizepräsident Lehre an der TUHH
Prof. Dr. Sönke Knutzen, Vizepräsident Lehre an der TUHH
Foto: TUHH/Institut für Technik, Arbeitsprozesse und Berufliche Bildung

"Die genetische Grundausstattung, die unsere Gehirnfunktionen steuert, hat sich in den letzten 40.000 Jahren, nach allem was wir wissen, nicht wesentlich verändert. Die Welt in der wir leben allerdings schon. Sollten früher Menschen auf das in Schule und Universität erworbene Wissen ein Leben lang zurückgreifen können, kommt es in der heutigen Wissensgesellschaft darauf an, neue Herausforderungen anzunehmen und unbekannte Probleme zu lösen. Das gilt auch für die Ingenieurwissenschaften", so Knutzen, selbst Ingenieur für Elektrotechnik, ausgebildeter Berufsschullehrer und Mann der Praxis. Einmal erworbene Kenntnisse und Fertigkeiten reichten immer weniger aus, um in der Arbeitswelt ein Erwerbsleben lang zu bestehen. Noch stärker als bisher sollen die angehenden Ingenieurinnen und Ingenieure auf diese Entwicklung vorbereitet werden, damit sie sich im Berufsleben selbstverantwortlich weiterentwickeln und weiterbilden können. "Der Weg dahin führt über die Vermittlung forschungsorientierten Wissens einerseits und andererseits der Förderung ingenieurbezogener Fertigkeiten und Kompetenzen."

Ausgedient hat die alte Lehre, nach der Wissen eine Folge von Faktenlernen und Routine darstellt, wie ein Gut von einer Person zur anderen weitergeleitet wird und Studierende selbst die Lücke zwischen Theorie und Praxis füllen sollen.

Die neue Philosophie des Lehrens und Lernens geht von Erkenntnissen der Hirnforschung aus: Wissen ist kein Produkt, das vom Lehrer zum Lerner weitergereicht werden kann. "Heute weiß man, dass Wissen und Fertigkeiten vom Lerner selbst konstruiert werden müssen (Konstruktivismus). Der Lehrer, auch der Hochschullehrer muss allenfalls das Lern-Arrangement gestalten, um die Lernvorgänge idealerweise zu fördern und zu unterstützen. Zugriff auf den Prozess des Wissenserwerb hat der Hochschullehrer nicht, den gestaltet der Studierende selbst", sagt Prof. Knutzen. Lernen ist somit - und das macht den Paradigmenwechsel aus - ein selbstgesteuerter, konstruktiver, emotionaler, sozialer, situationsbezogener und aktiver Prozess.

"Am Ende muss der Lerninhalt emotional bedeutsam sein, er muss für den Lerner wichtig sein, er muss ihn verwenden können und im Idealfall sollte er ihn aktiv und in Interaktion mit anderen erschließen", weiß Knutzen.Liegen die emotionalen Zentren im Gehirn jedoch brach, wird die Aneignung von Wissen unmöglich, erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther. Zwanghaft Erlerntes werde schnell wieder vergessen. Belohnungs- und Strafsysteme funktionierten beim Lernen nicht. Emotionen dagegen seien im Meer der Wahrnehmungen so etwas wie kleine Ausrufezeichen. "Sie helfen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden", so Hüther.

"Gute Hochschullehre ist ein interaktiver Vorgang zwischen Personen: Zwischen dem Hochschullehrer und den Studierenden. Um aktives Lernen zu ermöglichen, brauchen wir unbedingt mehr Kommunikation, mehr Interaktion, mehr direktes Feedback und mehr Gelegenheit, sich aktiv mit den Lerngegenständen auseinander zu setzten. Wenn wir all das beherzigen, werden die Hochschullehrer auf motiviertere Studierende treffen, werden die Prüfungsergebnisse sich verbessern und die Absolventen sich leichter in der Arbeitswelt zurechtfinden. Das alles sollte den Aufwand lohnen", sagt Knutzen.


TUHH - Pressestelle

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