Was bleibt vom "Modell Deutschland"?

08.08.1997


TU-Professor Dieter Läpple lehrte ein Jahr auf dem
Alfred-Grosser-Lehrstuhl in Paris



Der Wirtschaftswissenschaftler Dieter Läpple von der
Technischen Universität Hamburg-Harburg war ein Jahr lang
Gastprofessor an dem renommierten Institut d'Etudes Politiques de
Paris. Er wurde für das Studienjahr 1996/97 auf den von der
Robert-Bosch-Stiftung unterstützten
"Alfred-Grosser-Lehrstuhl" berufen, um in französischer
Sprache Vorlesungen zu deutschen Gegenwartsproblemen zu halten.

Im Mittelpunkt der Vorlesungen von Professor Läpple auf dem
"Alfred-Grosser-Lehrstuhl" stand die Frage: Was bleibt vom
"Modell Deutschland"?

Seine Antwort: "Alles muß sich ändern, wenn es bleiben
soll, wie es ist." Gelinge es nicht, die "soziale
Marktwirtschaft" innovativ weiter zu entwickeln, bleiben die
notwendigen politischen Reformen und sozialen Innovationen aus, so
drohe Deutschland ein Rückfall in einen entzivilisierten
"Kasinokapitalismus".

Das Schlüsselproblem für die aktuellen Schwächen des
"deutschen Modells", insbesondere die hohe Arbeitslosigkeit,
liegt - so Läpple - nicht in erster Linie in der Erosion der
internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Das deutsche
Produktionsmodell besitzt noch genügend Innovationspotentiale,
aber es kann nicht ausreichend gut bezahlte Arbeitsplätze für
alle schaffen, die Erwerbsarbeit nach fragen. Dabei ist dieses
Beschäftigungsproblem nicht eine unmittelbare Folge der
Globalisierung, sondern resultiert aus einer mangelnden
Beschäftigungsdynamik der arbeitsintensiven Klein- und
Mittelbetriebe, die Waren und Dienstleistungen für die
Binnennachfrage produzieren.

Lösungsansätze für die Beschäftigungsprobleme sieht
Läpple nicht nur in technologischen Innovationen, sondern er
fordert mehr Denkarbeit und Energie für die Entwicklung sozialer,
organisatorischer und politischer Innovationen. Als eine
unumgängliche Voraussetzung für eine neue
Beschäftigungsdynamik sieht er die Entlastung der Löhne von
den hohen Lohnnebenkosten - beispielsweise durch die Umverteilung
dieser Kosten auf Energiesteuern. Darüber hinaus gelte es
"Beschäftigungsbrücken" und
"Übergangsarbeitsmärkte" zu entwickeln, so zum Beispiel
die Ermöglichung flexibler Übergänge zwischen
Erwerbsarbeit und Rente, zwischen unselbständigen und
selbständigen Beschäftigungsverhältnissen.

Das Interesse der französischen Studenten gilt jedoch nicht nur
der Zukunft des "Modell Deutschlands", sondern auch der Rolle des
neuen, wiedervereinigten Deutschlands im europäischen
Einigungsprozeß. Frankreich betrachtet mit einem sehr kritischen
Interesse seinen - nun wieder deutlich größeren -
östlichen Nachbarn. Wird es als Folge der ökonomischen
Dominanz Deutschlands ein "deutsches Europa" geben, oder
führt der europäische Einigungsprozeß zu einem
"europäischen Deutschland"? Die Einführung und
Ausgestaltung des Europäischen Währungssystems mit dem
"Euro" wird dabei als Prüfstein gesehen.

Die Bundesrepublik Deutschland galt, vor allem während der
achtziger Jahre, als Modell einer ökonomisch erfolgreichen, sozial
integrativen und politisch stabilen Gesellschaft. In Frankreich diente
das deutsche Wirtschafts- und Sozialmodell bei vielen Reformprojekten
als Vorbild.

Konfrontiert mit der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit und den
rückläufigen ausländischen Investitionen in Deutschland
fragen unsere westlichen Nachbarn heute: Was ist los mit der deutschen
Wirtschaft? Ist sie blockiert durch das rechtliche und institutionelle
Regelwerk ihres Sozialmodells? Hat sie sich übernommen mit der
Aufgabe der Vereinigung? Oder ist sie der zunehmenden Globalisierung
nicht gewachsen?

Neben seiner Lehrtätigkeit am "Science Po" hatte Dieter
Läpple vielfältige Kontakte zu Wissenschafts- und
Kultureinrichtungen in Paris. Er wurde u. a. zu Vorträgen
eingeladen an die Sorbonne, an das Institut Francais d'Urbanisme , an
die École Nationale des Ponts et Chaussées (die "Grande
École" für Verkehrswesen) sowie in den Cercle
franco-allemand, den Deutsch-Französischen Kreis, der sich die
Vertiefung der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit zwischen
Frankreich und Deutschland zur Aufgabe gestellt hat.

Inzwischen ist Professor Läpple wieder zurück an der
Technischen Universität, wo er den Arbeitsbereich Stadt- und
Regionalökonomie leitet. Er bringt nicht nur neue Erfahrungen und
vielfältige Anregungen aus Paris mit, sondern es ist ihm in den
letzten Monaten auch gelungen Forschungsmittel in Höhe von 1,2
Millionen Mark für seine Forschungsgruppe an der TU
einzuwerben. Neben der Leitung dieser Forschungsprojekte zu Fragen der
Stadtentwicklung, des Hamburger Arbeitsmarktes und der Stadtlogistik
engagiert sich Professor Läpple gegenwärtig zusammen mit
seinen Kolleginnen und Kollegen für den Ausbau und die
internationale Vernetzung des Studienganges Stadtplanung der TUHH.

"Science Po", wie das Institut d'Etudes Politiques de Paris meist
genannt wird, ist in Frankreich eine herausragende
Wissenschaftsinstitution. Sie ist nicht nur bekannt durch ihre
exzellenten Forschungszentren, sondern vor allem als
Ausbildungsstätte der politischen und wirtschaftlichen Eliten
Frankreichs. Zu ihren Absolventen, den "Anciens Science Po",
gehören die Präsidenten Francois Mitterand, George Pompidou
und Jacques Chirac ebenso wie die Ministerpräsidenten Laurant
Fabius, Raymond Barre, Alain Juppé und Lionel Jospin. Mehr als
die Hälfte von Jospins neuem Kabinett hat am "Science
Po" studiert. Vom "Science Po" kommen jedoch nicht nur
Politiker, Spitzenbeamte und Diplomaten, sondern auch bekannte
Wissenschaftler, Journalisten und Wirtschaftsführer.

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